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Die blonde Inge, Ingeborg Holm, Doktor Holms Tochter, der am Markte wohnte, dort, wo hoch, spitzig und vielfach der gotische Brunnen stand, sie war’s, die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war.
Wie geschah das? Er hatte sie tausendmal gesehen; an einem Abend jedoch sah er sie in einer gewissen Beleuchtung, sah, wie sie im Gespräch mit einer Freundin
auf eine gewisse übermütige Art lachend den Kopf zur Seite warf, auf eine
gewisse Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders
feine Klein-Mädchen-Hand zum Hinterkopfe führte, wobei der weiße Gaze-Ärmel von
ihrem Ellenbogen zurückglitt, hörte, wie sie ein Wort, ein gleichgültiges Wort,
auf eine gewisse Art betonte, wobei ein warmes Klingen in ihrer Stimme war, und
ein Entzücken ergriff sein Herz, weit stärker als jenes, das er früher zuweilen
empfunden hatte, wenn er Hans Hansen betrachtete, als er noch ein kleiner,
dummer Junge war.
An diesem Abend nahm er ihr Bild mit fort, mit dem dicken, blonden Zopf, den
länglich geschnittenen, lachenden, blauen Augen und dem zart angedeuteten Sattel
von Sommersprossen über der Nase, konnte nicht einschlafen, weil er das Klingen
in ihrer Stimme hörte, versuchte leise, die Betonung nachzuahmen, mit der sie
das gleichgültige Wort ausgesprochen hatte, und erschauerte dabei. Die Erfahrung
lehrte ihn, daß dies die Liebe sei. Aber obgleich er genau wußte, daß die Liebe
ihm viel Schmerz, Drangsal und Demütigung bringen müsse, daß sie überdies den
Frieden zerstöre und das Herz mit Melodieen überfülle, ohne daß man Ruhe fand,
eine Sache rund zu formen und in Gelassenheit etwas Ganzes daraus zu schmieden,
so nahm er sie doch mit Freuden auf, überließ sich ihr ganz und pflegte sie mit
den Kräften seines Gemütes, denn er wußte, daß sie reich und lebendig mache, und
er sehnte sich, reich und lebendig zu sein, statt in Gelassenheit etwas Ganzes
zu schmieden...
Dies, daß Tonio Kröger sich an die lustige Inge Holm verlor, ereignete sich in
dem ausgeräumten Salon der Konsulin Husteede, die es an jenem Abend traf, die
Tanzstunde zu geben; denn es war ein Privat-Kursus, an dem nur Angehörige von
ersten Familien teilnahmen, und man versammelte sich reihum in den elterlichen
Häusern, um sich Unterricht in Tanz und Anstand erteilen zu lassen. Aber zu
diesem Behufe kam allwöchentlich Ballettmeister Knaak eigens von Hamburg herbei.
François Knaak war sein Name, und was für ein Mann war das! „J'ai l'honneur de me vous représenter“, sagte er, „mon nom est Knaak... Und dies spricht man nicht aus, während man sich verbeugt, sondern wenn man wieder aufrecht steht –, gedämpft und dennoch deutlich. Man ist nicht täglich in der Lage, sich auf
französisch vorstellen zu müssen, aber kann man es in dieser Sprache korrekt und
tadellos, so wird es einem auf deutsch erst recht nicht fehlen.“ Wie wunderbar
der seidig schwarze Gehrock sich an seine fetten Hüften schmiegte! In weichen
Falten fiel sein Beinkleid auf seine Lackschuhe hinab, die mit breiten
Atlasschleifen geschmückt waren, und seine braunen Augen blickten mit einem
müden Glück über ihre eigene Schönheit umher...
Jedermann ward erdrückt durch das Übermaß seiner Sicherheit und
Wohlanständigkeit. Er schritt – und niemand schritt wie er, elastisch, wogend,
wiegend, königlich – auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte sich und wartete,
daß man ihm die Hand reiche. Erhielt er sie, so dankte er mit leiser Stimme
dafür, trat federnd zurück, wandte sich auf dem linken Fuße, schnellte den
rechten mit niedergedrückter Spitze seitwärts vom Boden ab und schritt mit
bebenden Hüften davon...
Man ging rückwärts und unter Verbeugungen zur Tür hinaus, wenn man eine
Gesellschaft verließ, man schleppte einen Stuhl nicht herbei, indem man ihn an
einem Bein ergriff oder am Boden entlang schleifte, sondern man trug ihn leicht
an der Lehne herzu und setzte ihn geräuschlos nieder. Man stand nicht da, indem
man die Hände auf dem Bauch faltete und die Zunge in den Mundwinkel schob; tat
man es dennoch, so hatte Herr Knaak eine Art, es ebenso zu machen, daß man für
den Rest seines Lebens einen Ekel vor dieser Haltung bewahrte...
Dies war der Anstand. Was aber den Tanz betraf, so meisterte Herr Knaak ihn
womöglich in noch höherem Grade. In dem ausgeräumten Salon brannten die
Gasflammen des Kronleuchters und die Kerzen auf dem Kamin. Der Boden war mit
Talkum bestreut, und in stummem Halbkreise standen die Eleven umher. Aber
jenseits der Portieren, in der anstoßenden Stube, saßen auf Plüschstühlen die
Mütter und Tanten und betrachteten durch ihre Lorgnetten Herrn Knaak, wie er, in
gebückter Haltung, den Saum seines Gehrockes mit je zwei Fingern erfaßt hielt
und mit federnden Beinen die einzelnen Teile der Mazurka demonstrierte.
Beabsichtigte er aber, sein Publikum gänzlich zu verblüffen, so schnellte er
sich plötzlich und ohne zwingenden Grund vom Boden empor, indem er seine Beine
mit verwirrender Schnelligkeit in der Luft umeinanderwirbelte, gleichsam mit
denselben trillerte, worauf er mit einem gedämpften, aber alles in seinen Festen
erschütternden Plumps zu dieser Erde zurückkehrte...
Was für ein unbegreiflicher Affe, dachte Tonio Kröger in seinem Sinn. Aber er
sah wohl, daß Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem selbstvergessenen
Lächeln Herrn Knaaks Bewegungen verfolgte, und nicht dies allein war es, weshalb
alle diese wundervoll beherrschte Körperlichkeit ihm im Grunde etwas wie
Bewunderung abgewann. Wie ruhevoll und unverwirrbar Herrn Knaaks Augen blickten!
Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig
werden; sie wußten nichts, als daß sie braun und schön seien. Aber deshalb war
seine Haltung so stolz! Ja, man mußte dumm sein, um so schreiten zu können wie
er; und dann wurde man geliebt, denn man war liebenswürdig. Er verstand es so
gut, daß Inge, die blonde, süße Inge, auf Herrn Knaak blickte, wie sie es tat.
Aber würde denn niemals ein Mädchen so auf ihn selbst blicken?
O doch, das kam vor. Da war Magdalena Vermehren, Rechtsanwalt Vermehrens Tochter,
mit dem sanften Mund und den großen, dunklen, blanken Augen voll Ernst und
Schwärmerei. Sie fiel oft hin beim Tanzen; aber sie kam zu ihm bei der Damenwahl,
sie wußte, daß er Verse dichtete, sie hatte ihn zweimal gebeten, sie ihr zu
zeigen, und oftmals schaute sie ihn von weitem mit gesenktem Kopfe an. Aber was
sollte ihm das? Er, er liebte Inge Holm, die blonde, lustige Inge, die ihn
sicher darum verachtete, daß er poetische Sachen schrieb... er sah sie an, sah
ihre schmalgeschnittenen, blauen Augen, die voll Glück und Spott waren, und eine
neidische Sehnsucht, ein herber, drängender Schmerz, von ihr ausgeschlossen und
ihr ewig fremd zu sein, saß in seiner Brust und brannte...
„Erstes Paar en avant!“ sagte Herr Knaak, und keine Worte schildern, wie
wunderbar der Mann den Nasal-Laut hervorbrachte. Man übte Quadrille, und zu
Tonio Krögers tiefem Erschrecken befand er sich mit Inge Holm in ein und
demselben Carré. Er mied sie, wie er konnte, und dennoch geriet er beständig in
ihre Nähe; er wehrte seinen Augen, sich ihr zu nahen, und dennoch traf sein
Blick beständig auf sie... Nun kam sie an der Hand des rotköpfigen Ferdinand
Matthiessen gleitend und laufend herbei, warf den Zopf zurück und stellte sich
aufatmend ihm gegenüber; Herr Heinzelmann, der Klavierspieler, griff mit seinen
knochigen Händen in die Tasten, Herr Knaak kommandierte, die Quadrille begann.
Sie bewegte sich vor ihm hin und her, vorwärts und rückwärts, schreitend und
drehend, ein Duft, der von ihrem Haar oder dem zarten, weißen Stoff ihres
Kleides ausging, berührte ihn manchmal, und seine Augen trübten sich mehr und
mehr. Ich liebe dich, liebe, süße Inge, sagte er innerlich, und er legte in
diese Worte seinen ganzen Schmerz darüber, daß sie so eifrig und lustig bei der
Sache war und sein nicht achtete. Ein wunderschönes Gedicht von Storm fiel ihm
ein: „Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.“ Der demütigende Widersinn
quälte ihn, der darin lag, tanzen zu müssen, während man liebte...
„Erstes Paar en avant!“ sagte Herr Knaak, denn es kam eine neue Tour. „Compliment! Moulinet des dames! Tour de main!“ Und niemand beschreibt, auf
welch graziöse Art er das stumme e vom „de“ verschluckte.
„Zweites Paar en avant!“ Tonio Kröger und seine Dame waren daran. „Compliment!“ und Tonio Kröger verbeugte sich. „Moulinet des dames!“ Und Tonio Kröger, mit gesenktem Kopfe und finsteren Brauen, legte seine Hand auf die Hände der vier Damen, auf die Inge Holms, und tanzte ,moulinet‘.
Ringsum entstand ein Kichern und Lachen. Herr Knaak fiel in seine Ballett-Pose,
welche ein stilisiertes Entsetzen ausdrückte. „O weh!“ rief er. „Halt, halt! Kröger ist unter die Damen geraten! En arrière, Fräulein Kröger, zurück, fi donc! Alle haben es nun verstanden, nur Sie nicht. Husch! Fort! Zurück mit Ihnen!“ Und er zog ein gelbseidenes Taschentuch und scheuchte Tonio Kröger damit an seinen Platz zurück.
Alles lachte, die Jungen, die Mädchen und die Damen jenseits der Portieren, denn
Herr Knaak hatte etwas gar zu Drolliges aus dem Zwischenfall gemacht, und man
amüsierte sich wie im Theater. Nur Herr Heinzelmann wartete mit trockener
Geschäftsmiene auf das Zeichen zum Weiterspielen, denn er war abgehärtet gegen
Herrn Knaaks Wirkungen.
Dann ward die Quadrille fortgesetzt. Und dann war Pause. Das Folgmädchen klirrte
mit einem Teebrett voll Weingelee-Gläsern zur Tür herein, und die Köchin folgte
mit einer Ladung Plumcake in ihrem Kielwasser. Aber Tonio Kröger stahl sich
fort, ging heimlich auf den Korridor hinaus und stellte sich dort, die Hände auf
dem Rücken, vor ein Fenster mit herabgelassener Jalousie, ohne zu bedenken, daß
man durch diese Jalousie gar nichts sehen konnte, und daß es also lächerlich sei,
davorzustehen und zu tun, als blicke man hinaus.
Er blickte aber in sich hinein, wo so viel Gram und Sehnsucht war. Warum, warum
war er hier? Warum saß er nicht in seiner Stube am Fenster und las in Storms ›Immensee‹ und blickte hie und da in den abendlichen Garten hinaus, wo der alte Walnußbaum schwerfällig knarrte? Das wäre sein Platz gewesen. Mochten die anderen tanzen und frisch und geschickt bei der Sache sein!... Nein, nein, sein Platz war
dennoch hier, wo er sich in Inge’s Nähe wußte, wenn er auch nur einsam von ferne
stand und versuchte, in dem Summen, Klirren und Lachen dort drinnen ihre Stimme
zu unterscheiden, in welcher es klang von warmem Leben. Deine länglich
geschnittenen, blauen, lachenden Augen, du blonde Inge! So schön und heiter wie
du kann man nur sein, wenn man nicht „Immensee“ liest und niemals versucht,
selbst dergleichen zu machen; das ist das Traurige!...
Sie müßte kommen! Sie müßte bemerken, daß er fort war, müßte fühlen, wie es um
ihn stand, müßte ihm heimlich folgen, wenn auch nur aus Mitleid, ihm ihre Hand
auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns, sei froh, ich liebe dich.
Und er horchte hinter sich und wartete in unvernünftiger Spannung, daß sie
kommen möge. Aber sie kam keines Weges.
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